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Tipp 3: Gehe in die Tiefe, nicht in die Breite [10 Tipps]

Eine wissenschaftliche Arbeit unterscheidet sich grundlegend von einer Klausur. In einer Klausur kann es sinnvoll sein, einfach alles, was du zu einem Thema weißt, hinzuschreiben und möglichst viele Schlagworte und Details zu bedienen. Es geht also in erster Linie darum, dass du die Breite eines Themas überblicken kannst.

In einem wissenschaftlichen Text geht es hingegen darum zu zeigen, dass du bei einer ganz konkreten Frage in die Tiefe bohren kannst. Du sollst zeigen, dass du die Komplexität einer Frage erkennen, einfangen und eine fachlich angemessen begründete Position beziehen kannst. Auf diese Weise kannst du dich als Expertin für diesen kleinen Teilbereich präsentieren.

Dieser Text ist Teil der Artikelreihe 10 Tipps zum Schreiben deiner Bachelorarbeit (und Grundsätzliches über die Wissenschaft). Wenn Du keinen Artikel verpassen willst, kannst Du den gesamten Blog oder nur die Artikelreihe per RSS abonnieren.

Schreibe für ein Fachpublikum

Auf den ersten Blick gibt es genau zwei Leserinnen für deine Arbeit: deine beiden Prüferinnen. Die werden deinen Text jedoch aus der Perspektive eines fiktiven Publikums von Fachleuten lesen. Du willst dieses Publikum dazu bringen, deine Position zu akzeptieren und bestenfalls sogar für sich zu übernehmen. Das heißt, dass du dich nicht lange damit aufhalten darfst, die absoluten Grundlagen deines Themas wiederzugeben und erstmal zehn Seiten dazu zu schreiben, was die acht Funktionen des Personal­managements sind, wenn es dir eigentlich darum geht, die Einführung eines Cafeteria-Systems zu evaluieren.

Natürlich musst du deine Arbeit kurz verorten, aber das sollte eine, maximal zwei Ebenen über deinem Thema ansetzen. Also im Beispiel des Cafeteria-Systems nicht beim Personalmanagement, sondern vielleicht bei der grundsätzlichen Idee hinter nicht-monetären Vergütungsleistungen. Die absoluten Selbstverständlichkeiten, die auf den ersten Seiten in jedem Lehrbuch stehen, oder die du in deiner ersten Vorlesung zu diesem Thema gehört hast, kannst du meist einfach als bekannt voraussetzen. Interessant sind nur die Punkte, die irgendwie umstritten sind und diskutiert werden oder die du explizit ansprechen willst. Nur dann hast du genug Platz, in deiner Arbeit auch die notwendige Tiefe zu erreichen, ein konkretes Problem angemessen zu bearbeiten und auch Fachleuten noch etwas Neues zu erzählen.

Argumentiere konkret und spezifisch

Das heißt auch, dass du dich nicht mit Allgemeinplätzen aufhalten darfst, sondern konkret, spezifisch und differenziert schreiben und argumentieren musst. Vermeide übergreifende Verallgemeinerungen und beschränke dich auf konkrete Fälle oder spezifische Begriffe, die du vorher sauber erarbeitet und abgegrenzt hast. Zeige, dass du dich in deinem Thema auskennst und in den relevanten Punkten bis in die Details informiert bist.

Beispiel

Allgemeinplatz: In den letzten zwanzig Jahren hat das Internet die Gesellschaft grundlegend verändert.

Konkret und spezifisch, wenn es ganz allgemein um die Internetnutzung gehen soll: Der ARD/ZDF-Onlinestudie 20181 zufolge ist der Anteil der Deutschen, die das Internet täglich nutzen, von 2015 bis 2018 um fast 14 Prozentpunkte gestiegen, von 63,4 auf 77 Prozent. […]

Konkret und spezifisch, wenn es um die Entwicklung des Online- und des stationären Handels in Innenstädten gehen soll: Seit 2010 hat sich der Umsatz im Online-Handel in Deutschland nahezu verdreifacht, von gut 20 auf 54 Milliarden Euro. Gleichzeitig berichten 75% der Einzelhändler in den Hauptgeschäftslagen der Innenstadt von sinkenden Besucherfrequenzen.

Achte dabei auch darauf, dass deine Aussagen über Zusammenhänge und Entwicklungen dem Stand der allgemeinen Diskussion entsprechen und nicht grob verkürzen oder vereinfachen. Auch hierzu musst du die Diskussion, in der du dich bewegst, und das Thema, das du bearbeitest, eben sehr gut kennen. Du musst zeigen, dass du selbst auf dem Weg dahin bist, eine Expertin zu werden.

Frage dich immer: „Ist das wirklich so?“

Wissenschaftliches Denken und Arbeiten zeichnet sich durch eine grundlegende Skepsis aus. Das heißt, dass du alle Überlegungen, die du in deine Arbeit übernehmen willst, darauf überprüfen musst, ob du sie wirklich schlüssig begründen kannst. Nur weil dir etwas auf den ersten Blick plausibel erscheint, heißt das also nicht, dass es tatsächlich der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussion ist, den du ja aufgreifen sollst. Selbst wenn etwas dem wissenschaftlichen Stand entspricht, heißt das aber auch nicht, dass es für deinen konkreten Fall tatsächlich die beste Lösung ist.

Dasselbe gilt für Ideen oder Argumente, die du in den Texten anderer Autorinnen findest. Nur weil es mal jemand geschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass es auch tatsächlich stimmt. Es heißt nur, dass dieses Argument irgendwann mal irgendwen überzeugt hat. Die Frage ist, ob es dich so sehr überzeugt, dass du es für dich übernehmen kannst und dann auch selbst die Verantwortung dafür übernimmst. „Aber Maier hat das in ihrem Buch geschrieben“ ist keine gültige Verteidigung für ein Argument in deiner Arbeit.

Hinterfrage daher alle Begründungen und Argumente, die du in deiner Arbeit vorbringen möchtest: „Ist das wirklich so?“ Sei dabei wirklich skeptisch und recherchiere im Zweifel nochmal nach einer Quelle, die diesen Punkt bearbeitet. Es geht nicht darum, „irgendeine Quelle zu finden, die das sagt“, sondern deine Aussagen fachlich und argumentativ möglichst gut abzusichern.

In einer wissenschaftlichen Arbeit geht es explizit auch darum, sich mit der möglichen Kritik an der eigenen Argumentation zu beschäftigen. Das heißt, dass du auch aktiv nach Argumenten suchen solltest, die deine Ideen infrage stellen und dann einen Umgang mit ihnen finden musst. Dann kannst du Konsequenzen ziehen und deine Argumentation anpassen oder zum Beispiel die Gültigkeit deiner Aussagen weiter eingrenzen.

Ein Kommentar

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