Gegenwärtige und zukünftige Brandstifter im Schauspielhaus Dortmund

Was für ein Feuer im Dortmunder Schauspielhaus! Zwei Jahre nach dem Beginn der Umbaupause und dem temporären Umzug in den Megastore in Hörde setzt das Schauspielhaus am 16. Dezember 2017 in seinem Stammhaus ein mächtiges Ausrufezeichen. Dabei macht es nicht nur seine politischen Ambitionen klar, sondern bringt auch mal wieder einen Klassiker der Science-Fiction-Literatur eindrucksvoll auf die Bühne.

Es sind sogar zwei Stücke, die an diesem Eröffnungsabend Premiere feiern: Beide aus den 1950ern, aber in ihrer Umsetzung vermutlich so aktuell wie nie: Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch und Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. Dabei hängt Regisseur Gordon Kämmerer nicht einfach ein Stück hinter das andere, sondern schafft raffinierte Querbezüge, ohne den eigenen Charakter der beiden Werke zu verlieren.

Im Mittelpunkt des Abends steht das Feuer, der Umsturz, die Abweichung, die Gefahr für den Status quo, die in beiden Stücken aber sehr unterschiedlich konnotiert sind.

Der Weg des Feuers in die Welt

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Nach einem kurzen Blick in die düstere Zukunft des Fahrenheit 451 hebt sich die Bühne und gibt den Blick frei auf die sterile Atmosphäre der Wohnung von Familie Biedermann. Eine Farbe irgendwo zwischen Türkis und Blass-Mintgrün dominiert die nahezu monochrome Bühne. Ekkehard Freye, Alexandra Sinelnikova und Frauke Becker beginnen den Tag. Mit roboterhaften Bewegungen bewegen sie sich durch die Wohnung. Sie waschen sich und ziehen sich um. Kein Wort wird gesprochen, keine Blicke ausgetauscht. Kein Zeichen von Emotion. Nur beim Frühstück gibt es einen kurzen, wilden Ausbruch von Emotion. Aber auch ohne Interaktion. Der Zuschauer leidet beim Anblick der Familie und sehnt einen Ausbruch aus der sprachlosen Routine herbei, als nach zwanzig Minuten der erste (banale) Satz das Schweigen bricht, die öde Spannung aber leider nicht auflöst.

Das passiert erst mit dem Auftritt von Josef Schmitz, dem Hausierer, der Herrn Biedermann Honig ums Maul schmiert und sich so in die Familie einschleicht. Obwohl in den Zeitungen vor einem brandstiftenden Hausierer gewarnt wird, bekommt er ein Bett auf dem Dachboden. Er verbringt dort einige Tage und wirbelt dabei den Alltag der Familie gehörig durcheinander. Seine schwarze Kleidung ist der einzige “Farbfleck” im ansonsten monotonen Grün. Nach und nach erkennt Babette Biedermann die Gefahr, die von dem durch Björn Gabriel hervorragend verschmitzt gespielten Hausgast ausgeht. Doch ihr Mann ist nicht mehr in der Lage, sich gegen Biedermann zu wenden und so wird das Feuer in einer einfachen aber verstörenden Szene Teil der Familie.

Biedermann und die Brandstifter wird in dieser Inszenierung zu einer brillanten Metapher für das Eindringen von Brandstiftern in das verklemmte, routinierte und unreflektierte Leben. Es zeigt, wie ein wenig Anerkennung Menschen dazu bringen kann, jedes ungute Gefühl in den Wind zu schlagen und sehenden Auges in das Feuer zu gehen. Dabei schafft es Kämmerer, dass der Zuschauer sich teilweise sogar aufseiten des Brandstifters sieht, weil der gezeigte Status quo so unerträglich ist. Gleichzeitig ist auch klar: Besser wird es auf diese Weise auch nicht.

Wenn das Feuer die Welt beherrscht

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Dass Feuer, einmal in der Welt, nicht mehr kontrolliert werden kann, wird im zweiten Stück des Abends deutlich, das sich ohne Pause an den ersten Teil anschließt. Es ist atmosphärisch sehr anders, bildet aber thematisch eine konsequente Fortsetzung. Hier gibt es nach dem Futurologischen Kongress in der letzten Saison dann auch mal wieder Science-Fiction im Theater. Für jeden Bücherfan ist Ray Bradburys Fahrenheit 451 sicherlich die bedrückendste aller dystopischen Geschichten: In der Zukunft sich Bücher verboten und die Feuerwehr hat dank feuerfester Häuser nicht die Aufgabe Brände zu löschen, sondern zu legen. Bücher zu verbrennen.

Nach der klinischen, grünen Gegenwart sind wir jetzt in eine düstere, schwarze Zukunft gereist, die von einem ständigen Regenschleier begleitet wird. Die Welt ist dunkler und härter als die Gegenwart, aber genauso frei von Emotionen, von bedeutsamer Kommunikation und Phantasie. Alles ist vernünftig. Rational.

Die Hauptfigur Guy Montag – hier mit vollem Körpereinsatz gespielt von Uwe Schmieder – ist ein Feuerwehrmann (oder besser Brandstifter), der wie selbstverständlich seinem Beruf nachgeht. Doch nachdem er seine Nachbarin Clarisse McClellan kennenlernt und zudem beobachtet, wie eine andere Frau zusammen mit ihren Büchern verbrennt, beginnt er, nach dem Wert von Büchern zu fragen und legt eine eigene kleine Sammlung an.

Auch in dieser Welt gibt es also einen metaphorischen Brandstifter – und zwar nicht die im wörtlichen Sinne Kerosin versprühende Feuerwehr. Es ist vielmehr Clarisse McClellan, die mit ihrer tagträumerischen Unbedarftheit und ihrem lebensfrohen Gemüt so gar nicht in diese Welt zu passen scheint.

Montag verharrt nach seiner Begegnung mit ihr aber nicht, wie zuvor Biedermann, in seiner routinierten Lethargie, sondern lässt sich von Clarisse verstören. Er beginnt, über sein Leben und die Welt um ihn herum nachzudenken und macht sich damit auf den Weg, den Biedermann nicht gehen konnte (oder wollte). Durch die eindrucksvolle Inszenierung und das intensive Spiel von Uwe Schmieder überträgt diese persönliche Verstörung dabei auf die Zuschauer: Schmieder bestreitet die zweite Hälfte des Stücks nackt und über und über mit Kunstblut beschmiert – eine inszenatorische Technik, die mir sonst den Impuls gibt, aus dem Theater zu flüchten, die hier aber sehr effektiv und gezielt eingesetzt wird.

Hier fällt dann auch die für diesen Abend wahrscheinlich entscheidende Frage: “Wann haben Sie sich das letzte Mal verstören lassen?”

Das Feuer von jetzt wirkt in der Zukunft

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Neben der thematischen Übereinstimmung und dem angedeuteten Zeitsprung gibt es zwei inszenatorische Verbindungen zwischen den Stücken:

So ist Familie Biedermann der Star einer Art Seifenoper, von der sich insbesondere Mildred Montag berieseln lässt. Daher tauchen die Drei regelmäßig auf der Videoleinwand auf und symbolisieren dabei die überwundene, vielen als rückständig erscheinende Vergangenheit. Doch nicht genug damit: In einer verstörenden Szene treten sie auch auf die Bühne und bringen mit ihrer aus zukünftiger Perspektive überschäumenden Lebensfreude den ersten emotionalen Ausbruch der Montags hervor. Damit lösen sie dann auch seine Verwandlung aus.

Die zweite Verbindung besteht im – mal wieder hervorragenden – Schauspieler Björn Gabriel, der in der ersten Hälfte den brandstiftenden Hausierer spielt und im zweiten Stück die Rolle des Feuerwehr-Hauptmannes übernimmt. Er bleibt damit seiner Funktion als wortwörtlicher Brandstifter treu, wechselt aber den gesellschaftlichen Status: vom verachteten und marginalisierten Hausierer zum machtvollen Vorgesetzten und Herrscher über Leben und Tod. Gleichzeitig ändert sich aber sein Verhältnis zum Status quo: Er ist nun als Brandstifter nicht mehr dessen größer Feind, sondern ein loyaler Verteidiger.

Das Auseinanderfallen von metaphorischer und tatsächlicher Brandstiftung und ihr wechselndes Verhältnis zum gesellschaftlichen Status quo ist dabei vielleicht die tiefgreifendste Aussage des Abends.

Eindrucksvoller und imposanter Theaterabend

Beide Stücke sind in sich stimmig inszeniert und auf die heutige Zeit angepasst. Ihre nachhaltige Wirkung entfalten sie aber erst durch das Zusammenspiel. So arbeiten Kämmerer und sein Team die Parallelen der beiden dystopischen Gesellschaften eindrucksvoll heraus: die gepflegte, vordergründige Glätte der Biedermanns und die cleane, unemotionale Welt der Zukunft, die jeweils durch sehr unterschiedliche metaphorische und wörtliche Brandstifter geprägt und verändert werden. Der Brandstifter Josef Schmitz hat zwar sein Ziel erreicht, die biedere Welt zu zerstören, damit aber keineswegs den Weg in eine bessere Zukunft geebnet, sondern die eine enge Struktur nur durch eine andere ersetzt.

Dabei transportiert die Inszenierung ihre Nachricht sehr deutlich, gibt aber (unabsichtlich?) auch fragwürdigen Gegenpositionen Raum. So argumentiert Martin Krumbholz auf nachtkritik.de, zu Recht, dass sich der negative Blick auf den brandstiftenden Hausierer durchaus als Metapher auf die Flüchtlinge verstehen ließe, die in den letzten Jahren zu uns geflohen sind. Auch bleibt der Monolog des Feuerwehr-Hauptmanns in Fahrenheit 451 unwidersprochen, als er das Entstehen der totalitären Gesellschaft auf die “absolute Rücksichtsnahme auf die Befindlichkeiten jeder noch so kleinen Minderheit” (sinngemäßes Zitat) zurückführt. Beide Eindrücke sind, wie ich das Schauspiel Dortmund kenne, sicherlich nicht intendiert, hinterlassen aber dennoch einen (sehr leichten) faden Beigeschmack, was die politische Positionierung angeht.

Was bleibt, ist ein eindrucksvoller Theaterabend voller Querbezüge und Nuancen, der lange nachhallt. Die Inszenierung balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen “postmodernem Schockeffekt-Selbstzweck” und nachdenklicher Erzählung. In einigen Momenten scheint sie die Grenze fast zu überschreiten, bekommt dann aber doch wieder die Kurve. Auch wenn die Nachdenklichkeit ab und an vielleicht etwas im Effektgewitter untergeht, macht dieses den emotionalen Impact der Inszenierung doch eigentlich erst möglich.

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