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Der geduldigste Zuhörer: Schreiben, um zu denken

Schreiben kann mehr sein als eine lästige Pflicht und mehr als Kommunikation mit anderen. Schreiben kann auch ein Werkzeug sein, um zu denken. Es kann euch helfen, eure Gedanken zu klären. Hier erkläre ich euch, wie das geht und stelle zwei einfache Übungen vor.

In der Schule und auch im Studium taucht das Schreiben meist in der Form von Prüfungen auf. Es wird also von anderen eingefordert und bewertet. Entsprechend ist es mit Unsicherheit und Anspannung verbunden und viele versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen.

Doch das Schreiben kann mehr sein als eine lästige Pflicht und sogar mehr als Kommunikation mit anderen. Das sind beides wichtige Funktionen, sie treten aber hinter einen noch wichtigeren Punkt zurück: Schreiben kann auch ein Werkzeug sein, um zu denken. Es kann euch helfen, eure Gedanken zu klären. Aus Gedankenschleifen auszubrechen und neue Ideen weiterzuentwickeln. Das ist nicht anstrengend oder langwierig, sondern mit ein bisschen Übung sogar schnell und fühlt sich überraschend gut an.

Schreiben als Gespräch mit dem Papier

Ihr kennt vermutlich die Situation, dass euch ein Thema beschäftigt und ihr euch mit jemandem darüber unterhaltet: sei es eine Hausarbeit im Studium, eine unangenehme Situation im Beruf oder ein privates Streitgespräch. Und plötzlich klären sich eure Gedanken. Ihr könnt in Worte verpacken, was ihr vorher nur diffus gefühlt habt, und findet einen neuen Blick auf das Problem. Ihr entwickelt Ideen, Zusammenhänge werden deutlich und auch die Lücken in eurem Verständnis werden euch bewusst. Dazu braucht es nicht unbedingt Nachfragen von eurer Zuhörerin oder eurem Zuhörer. Es entsteht alles wie von selbst, während ihr sprecht.

Dieses Vorgehen hat aber auch einige Nachteile: Es ist nicht immer jemand da, der euch zuhört, wenn ihr euch gerade mit einem Thema auseinandersetzen wollt. Selbst wenn doch, äußert ein Gegenüber schnell Ratschläge, Tipps und Kritik. Damit unterbricht er (wenn auch in guter Absicht) euren Gedankenfluss und verhindert damit den gewünschten Effekt. Manchmal sind Ideen auch einfach zu roh oder Gedanken zu privat, um sie mit anderen zu teilen.

In all diesen Fällen ist es nützlich, sich an den ultimativ geduldigen Zuhörer zu erinnern, der immer verfügbar ist: das Papier (oder sein digitales Äquivalent). Zwar hört das Papier nicht wirklich zu, ihr könnt eure Gedanken aber mit Stift (oder Finger) festhalten und auf diese Weise entwickeln. Ihr könnt das Schreiben nutzen, um zu denken. Das ist auch keine neue Erkenntnis, sondern historisch schon lange etabliert, in der letzten Zeit aber etwas in Vergessenheit geraten: das Tagebuch.

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Wie funktioniert das mit dem Schreiben um zu denken?

Das ist ja alles schön und gut, aber wie nutze ich denn jetzt das Schreiben, um zu denken? Dazu müsst ihr einen wichtigen Punkt verinnerlichen, der in Schule, Ausbildung und auch Beruf leider zu kurz kommt: Beim Schreiben in diesem Sinne geht es nicht um den fertigen Text. Es geht um den Prozess, die Tätigkeit des Schreibens. Ihr sollt hier nicht einen für andere verständlichen Text schreiben, sondern nur für euch selbst eure Gedanken zu Papier bringen.

Dabei hilft es komischerweise, wenn ihr möglichst wenig darüber nachdenkt, was ihr gerade schreibt. Grübelt nicht über möglichst gute Formulierungen nach. Sucht keine Rechtschreibfehler im gerade geschriebenen Satz. Lasst vielmehr euren Stift oder eure Finger im Fluss des Schreibens. Unterbrecht ihn so selten wie möglich, damit eure Gedanken direkt auf das Papier fließen. Wenn ihr keine Gedanken mehr im Kopf habt, schreibt einfach: “Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. …” und schwupps wird sich wieder eine Idee zeigen. Bei diesem Freewriting geht es nicht um guten oder auch nur korrekten Text. Ihr solltet aber versuchen, einen Fließtext zu produzieren und nicht nur Stichpunkte zu notieren.

Es ist dabei im Grunde egal, ob ihr mit dem Stift auf Papier oder auf einer Tastatur schreibt: Beide Methoden haben eigene Vor- und Nachteile. Das Schreiben mit dem Stift ist körperlicher, sinnlicher und im Normalfall langsamer. Das hilft euch, eure Gedanken ein wenig zu zähmen und nicht so schnell von einem zum anderen Punkt zu springen. Es verhindert auch, dass ihr ständig im Text zurückschaut und Formulierungen überarbeitet. Gleichzeitig ist das handschriftliche Schreiben heutzutage für die meisten ungewohnt. Es ist unbequem und vielleicht sogar körperlich anstrengend. Damit kostet es eine größere Überwindung, überhaupt damit anzufangen. Im Endeffekt müsst ihr selbst schauen, was für euch funktioniert. Ich persönlich wechsle je nach Stimmung zwischen handschriftlichem und digitalem Schreiben.

Warum funktioniert das mit dem Schreiben um zu denken?

Diese “Technik” des Schreibens, um zu denken, funktioniert sehr ähnlich wie die guten Gespräche: Ihr zwingt euch dazu, eure Gedanken konsequent von Anfang bis Ende zu verfolgen, ohne dabei zu sehr abzuschweifen oder euch ablenken zu lassen. Dabei lagert ihr zudem Ideen und Gedanken aus eurem Kopf aus und macht so Platz für neue Gedanken. Ihr richtet euren ganzen Fokus für kurze Zeit auf einen Gedanken, eine Idee. (Und wie zum Beleg hatte ich diese Idee erst, während ich diesen Absatz geschrieben habe…)

Wenn ihr einen Fließtext ausformuliert, müsst ihr außerdem eure Gedanken explizit machen. Ihr erkennt Lücken und Denkfehler und habt die Möglichkeit, sie zu präzisieren. Gleichzeitig müsst ihr eure Gedanken in eine lineare Form bringen, also immer genau ein nächstes Wort schreiben. Das entlastet den Kopf, denn der muss nicht das ganze Thema festhalten. Er muss “nur” entscheiden, was das nächste Wort ist oder wie der aktuelle Satz ungefähr aussehen soll.

Zwei Übungen zum Einstieg

Schreibdenken von Ulrike Scheuermann (Barbara Budrich, ISBN 9783825247171)

Einzelne Sitzungen des Schreibens, um zu denken, oder des Schreibdenkens, wie Ulrike Scheuermann es nennt, müssen nicht lange dauern. Als Beispiel zeige ich euch hier zwei Techniken aus dem Buch Schreibdenken von Ulrike Scheuermann, die aufeinander aufbauen. Diese Übungen könnt ihr am Schreibtisch machen, am Küchentisch, auf dem Sofa oder im Zug. Wo ihr eben gerade ein paar Minuten aufbringen könnt.

Fokus-Sprint (ab 5 Minuten)

Diese Übung gibt euch einen kurzen Impuls für ein Thema, das euch gerade beschäftigt. Die Länge könnt ihr selbst bestimmen, egal ob fünf Minuten, zehn oder fünfzehn – längere Sitzungen brauchen aber etwas Übung.

  1. Nehmt euch ein Blatt Papier und einen Stift, mit dem ihr gut schreiben könnt oder öffnet das Schreibprogramm eurer Wahl (je einfacher, desto besser).
  2. Schreibt ein Thema, das euch gerade beschäftigt, oben auf die Seite. Das kann ein einzelnes Wort sein, ein Satz, eine Frage, was auch immer.
  3. Schreibt dann für fünf Minuten einfach alle Gedanken auf, die euch zu diesem Thema in den Kopf kommen. Ganz im Sinne des Freewritings, das ich oben vorgestellt habe.
  4. Versucht, Stift oder Finger nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Schreibt dabei aber nicht nur Stichpunkte, sondern einen Fließtext – egal wie fehlerhaft oder unsauber.

Schreibstaffel (20 bis 35 Minuten)

Diese Übung verbindet mehrere Fokus-Sprints, um tiefer in ein Thema einzusteigen. Hierfür solltest du 20 bis 35 Minuten einplanen.

  1. Macht einen fünf- oder zehnminütigen Fokus-Sprint (s.o.) zu einem Thema, das euch gerade beschäftigt.
  2. Schaut euch den entstandenen Text eine Minute an und sucht nach einem Gedanken, einem Begriff oder einer Idee, die ihr interessant findet oder die euch aus irgendeinem anderen Grund anspringt.
  3. Macht einen fünf- oder zehnminütigen Fokus-Sprint zu diesem Thema.
  4. Schaut in dem neuen Text nach einem interessanten Gedanken, einem Begriff oder einer Idee.
  5. Macht zu dieser Idee wiederum einen Fokus-Sprint von fünf oder zehn Minuten.

Am Ende dieser beiden Übungen werdet ihr merken, dass sich einige Fragen in eurem Kopf geklärt haben und gleichzeitig neue entstanden sind.

Ich freue mich auf eure Kommentare: Hat euch diese Technik geholfen? Schreibt ihr in solchen Situationen lieber mit Stift oder digital? Warum?

4 Kommentare

  • Hallo Nils,
    danke für diesen anregenden Beitrag. Ich freue mich, durch einen Retweet bei Twitter auf Deinen Blog aufmerksam geworden zu sein. Die beiden vorgestellten Techniken werde ich auf jeden Fall ausprobieren. Ich bin unbedingt der Meinung, dass das Aufschreiben das Verständnis unserer eigenen Denkweise fördert und inspiriert.
    Grüße, Michael

  • “Schreiben um zu denken” – da fallen mir gefühlt tausend ungeschriebene, aber im Kopf durchformulierte Briefe ein, lange und dann nie gepostet Facebookeinträge – und meine eigene Beklemmung angesichts eines leeren Blattes, ob vor mir oder am Bildschirm. Ich werde die Tipps einfach mal ausprobieren. Danke!

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