Die Ebenen der Metropolis im Schauspiel Essen

Fritz Lang begutachtet einen Filmstreifen
Schauspiel Essen / Foto: Martin Kaufhold

Zu Fahrenheit 451 und dem Futurologischen Kongress gesellt sich jetzt auch Metropolis in den inoffiziellen Ruhrgebietszyklus Science-Fiction im Theater. Diesmal nicht in Dortmund, sondern am Schauspiel Essen und auf die Bühne gebracht vom Künstlerkollektiv sputnic.

Das Dortmunder Schauspiel ist bekannt für seine intensiven Stücke und die ausschweifende Nutzung von Videos. So passte das Stück Der futurologische Kongress gut ins Programm, das das Künstlerkollektiv sputnic dort in der letzten Saison (und auch noch in dieser) als Live-Animationsfilm auf die Bühne brachte.

Da wir äußerst begeistert waren, haben wir uns jetzt auf den Weg nach Essen gemacht, wo in der Casa das neue sputnic-Stück Metropolis gezeigt wird. Leider nur an drei Terminen und schon am 23. März zum letzten Mal. Weitere Vorstellungen gibt es zum Beispiel am 23. und 27. März, aber auch im April, Mai und Juni. Nach einem Buch und unter Regie von Nils Voges liefern die vier Schauspieler und zahlreichen Techniker eine gleichzeitig komplexe wie unterhaltsame Adaption des Filmklassikers von 1927 ab.

Animatropolis

Nach dem Betreten des kleinen Theatersaals fällt als erstes das sehr minimalistische Bühnenbild auf. Drei Leinwände hängen an der Rückseite der Bühne, ein langes Präsentationspult steht an der Vorderseite und ein stilisierter Filmprojektor mittendrin. Alles in Schwarz-Weiß gehalten. Ebenso wie die Kostüme der zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler, die in den folgenden gut einhundert Minuten alle auftretenden Figuren animieren, sprechen und verkörpern.

Ähnlich wie der Futurologische Kongress beginnt Metropolis als illustriertes Hörspiel. Die Schauspieler nutzen ihre Stimmen, gezeichnete Platten und Overhead-Projektoren, um die eindrucksvollen Szenenbilder und die schattenhaften Figuren zum Leben zu erwecken. Doch nach einigen Minuten beginnen sie, dieses starre Format aufzubrechen. Von jetzt an wechselt das Stück nicht nur zwischen Medien und Erzählformaten, sondern auch zwischen verschiedenen Ebenen.

Bühnenaufbau von Metropolis

Schauspiel Essen / Foto: Martin Kaufhold

Metatropolis

Voges und seine Kolleg_innen halten sich nicht damit auf, die klassische Geschichte des Filmes eins-zu-eins nachzuerzählen. Sie versetzen den Zuschauer stattdessen in ein Kino, in dem ein Filmvorführer zusammen mit drei illustren Gästen eine behutsam modernisierte Version des Filmes zeigt: “Der Film an sich ist perfekt. Deswegen zeigen wir eine ganz eigene Version.”

Die Gäste, in deren Gesellschaft der Film gezeigt wird, sind der Regisseur Fritz Lang, die Drehbuchautorin Thea von Harbou und die Traummaschine Hollywood. Im Laufe des Stücks kommentieren sie den Film, diskutieren über die vorgenommenen Änderungen und geben Einblicke in die Theorie und die Geschichte des Films. So schaffen sie eine eigene Meta-Ebene auf der unterschiedliche Themen verhandelt werden.

Während der Film Metropolis also tatsächlich auf der Bühne live animiert wird, werden die Figuren in dem Vorführraum von den vier Schauspieler_innen direkt verkörpert. Dieser nahtlose Wechsel zwischen den Ebenen ist faszinierend zu beobachten und scheint mir ein wenig stringenter organisiert zu sein als beim futurologischen Kongress.

MeToo-Polis

Metropolis hat natürlich auch eine gesellschaftskritische Ebene. Dabei greifen sputnic nicht nur die Kapitalismuskritik des Original-Metropolis auf, das ja den Konflikt zwischen Industriellen und Arbeitern darstellt. Sie erweitern diese Thematik und binden gekonnt eine fundamentale Kritik am modernen Hollywood ein.

So erfährt man als Zuschauer, dass die Traumfabrik bis 1925 weiblich dominiert war und im Anschluss zum Biotop für soziale Außenseiter und schräge Vögel wurde. Erst durch das viele Geld im System wandelt sich sein Charakter. Schließlich führt der herrschende Sexismus in Hollywood dazu, dass sich Thea von Harbou und die Traummaschine auf der Bühne gezwungen sehen, dem Film eine neue Gestalt zu geben. Dass das dem perfektionistischen Visionär Lang nicht gefällt, sollte wenig überraschen…

Neben der Kritik an Hollywood greift das Stück auch die Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung auf. Da wird die Filmfigur Josaphat gegen den Widerstand Fritz Langs kurzzeitig zum Borg und der Maschinenmensch Futura wird durch einen Computervirus zu Fall gebracht.

Schatten einer Frau thront über drei Personen

Schauspiel Essen / Foto: Martin Kaufhold

Nerdtropolis

Spätestens hier wird dann auch deutlich, dass Autor Nils Voges großen Spaß daran hatte, popkulturelle Referenzen in das Stück einzubauen. So gibt es nicht nur einen Spoiler zu der aktuellen StarTrek-Serie Discovery, sondern auch drei Regeln für den Umgang mit fremden Wesen. Und nein, sie kommen nicht von Isaac Asimov.

Auch, dass die Traummaschine anfangs nur in Filmzitaten spricht und sich selbst als “Lebendes Gewebe über einem metallenen Endo-Skelett” bezeichnet, lässt Metropolis sehr angenehm nerdig verspielt wirken. Zudem sind die wenigen stummfilmartigen Texteinblendungen, die das Handeln der Figur Futura beschreiben, natürlich auch in der Schriftart Futura gestaltet.

Aber auch wenn man diese Anspielungen nicht erkennt – und ich habe bestimmt extrem viele übersehen – ist Metropolis kein bierernstes Stück. Es kann sogar das überraschend ernste Essener Publikum zu dem einen oder anderen Schmunzler verführen.

Impropolis

Der ständige Wechsel zwischen den Ebenen und Figuren erscheint sehr anspruchsvoll für die Schauspieler und so lässt es sich wohl nicht vermeiden, dass manche Übergänge etwas improvisiert wirken. Auch die Technik hakt manchmal ein wenig und ich habe zum ersten Mal im Theater den Einsatz des Souffleurs erlebt.

Das trübt den hervorragenden Eindruck von dem Stück jedoch nicht im geringsten. Es trägt sogar zu seinem Charme bei, da es dadurch kantig und veränderbar wirkt. Und es zeigt das Engagement und den Spaß, mit dem die Schauspieler_innen bei der Sache sind.

Metropolis im Schauspiel Essen ist nach dem Futurologischen Kongress und Fahrenheit 451 (beide in Dortmund) ein weiteres Beispiel dafür, wie gut Science-Fiction im Theater funktionieren kann. Davon will ich in den nächsten Jahren noch viel mehr sehen, liebe Theater! Auch sputnic und ihre Live-Animationsfilme werde ich auf jeden Fall weiter im Blick behalten.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Datenschutz

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen