Der futurologische Kongress – Ein Animationsfilm entsteht live auf der Bühne

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Science-Fiction im Theater? Was nach zwei Welten klingt, die nur schwer zu vereinbaren sind, gelingt auf der Bühne im Schauspiel Dortmund ganz hervorragend und innovativ.

Stanislaw Lem ist vielleicht der visionärste Science-Fiction-Autor überhaupt. Mit seinen Geschichten und Romanen nahm er bereits in den 1960er und 70er Jahren Themen wie Nanotechnologie oder den Cyberspace vorweg. Dabei ging es ihm jedoch weniger um die Technologie an sich, als um die philosophischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Fortschritts. So bezeichnete er sich selbst als “hausbackenen und heimwerkelnden Philosophen”.

Aus heutiger Perspektive sind viele seiner Romane – und auf jeden Fall Der futurologische Kongress, um den es hier geht – eindeutig dem Genre zuzuordnen. Und so war ich doch etwas verwirrt, als die Dramaturgin des Dortmunder Schauspiels in der Einführung nur von einem “Science-Fiction-Setting” für philosophische Überlegungen sprach. Doch genau das zeichnet ja gute Science-Fiction aus und entfernt eine Geschichte nicht aus dem Genre! Aber gut, dass das Genre in Deutschland intellektuell nicht als satisfaktionsfähig gilt, ist ja nun nicht wirklich neu…

Glücklicherweise war auf der Bühne dann nichts mehr von diesem Beiklang des “Schmuddelkrams” zu sehen und so gab es 100 Minuten eindrucksvolle Unterhaltung, in denen nicht nur die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, sondern auch die zwischen Theater und Film immer mehr verschwommen.

Wie funktioniert denn bitte ein Live-Animationsfilm?

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Vor Beginn des Stücks standen auf der Bühne einige im Kreis aufgestellte Tische mit ganz viel Technik und ein paar Modelle – darunter die ISS aus einem alten CD-ROM-Laufwerk und Konservendosen. Auf den Tischen standen dann unter anderem drei Animationspulte, auf denen die Schauspieler während des Stücks 120 verschiedene handgezeichnete Platten legen konnten, die mit cleveren Mechanismen kleine Animationen erlaubten: ein sich bewegender Arm, sich schließende Augen oder ein sich öffnender Mund. Mit großen Knöpfen konnten die Schauspieler zwischen den drei Pulten hin und her schalten und so ihren live gesprochenen Dialog mit animierten Bildern auf der großen Leinwand unterlegen.

Dazu gab es dann auch noch mobile Kameras, die die Schauspieler nutzen konnten, um mit den Modellen zu interagieren und so ebenfalls animierte Bilder zu erzeugen. Schließlich gab es auch noch Passagen, in denen es auf der Bühne klassisch zur Sache ging. Ganz ohne Kamera.

Worum geht es denn?

Da ich den Roman nicht kenne, kann ich leider nicht einschätzen, welche der Handlungselemente der Grundlage entnommen sind und welche dem Film hinzugedichtet wurden. Grundsätzlich geht es aber um den Astronauten – nein, Wissenschaftler, darauf legt er Wert – Ion Tichy, der von seinen Vorgesetzten von seiner Arbeit an der ISS abberufen wird (Ok, das wird so nicht im Buch gestanden haben) und auf den ersten futurologischen Kongress geschickt wird.

Dieser Kongress – der Nachfolger der G20-Gipfel – findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in einem Hotel inmitten einer Millionenstadt statt (Ja, auch hier sind die Bezüge auf das aktuelle Tagesgeschehen vermutlich nicht von Stanislaw Lem verfasst worden. Dazu kämen sie aber auch zu plump daher). Ab diesem Punkt bin ich mir dann nicht mehr so sicher, was sich in dem abspielt, was wir Realität nennen würden und was eine Einbildung von Ion Tichy ist.

Es geht auf jeden Fall um biologisch-chemische Stoffe, die es erlauben, Gefühle und Wahrnehmungen gezielt auszulösen und damit Menschen zu befrieden. Das ultimative Glück durch die ultimative Waffe in der Chemokratie.

Und, war es so wirr, wie es klingt?

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Ich bin ja sehr skeptisch, was Geschichten angeht, in denen Realität und Einbildung verschwimmen und auch der übermäßige Einsatz von Videotechnik im Theater macht mich sehr vorsichtig. Doch was das Design- und Künstlerkollektiv sputnic hier auf die Bühne bringt, hat mich durchaus begeistert:

Die Geschichte ist trotz aller Einbildungen und Ebenenwechsel so erzählt, das man sie nachvollziehen kann, lässt aber gleichzeitig genug Raum für eigene Interpretationen. Auch die Technik wirkt nicht – wie so oft – als Selbstzweck, sondern wird harmonisch integriert und unterstützt die Handlung: Ist jetzt wirklich das, was wir als Animationsfilm sehen, die Realität und das real Gespielte eine Einbildung? Und wo zwischen all den gezielt chemisch induzierten virtuellen Realitäten ist sie denn nun wirklich, die reine Wahrheit hinter der Ebene 1?

Wer sollte sich das anschauen?

Insgesamt ist Der futurologische Kongress im Schauspiel Dortmund ein großartiger Theaterabend, den sich sowohl Theater-Fans als auch Science-Fiction-Interessierte nicht entgehen lassen sollten. Auch wer mal sehen will, was man so alles machen kann, um einen Trickfilm zu produzieren, erält hier äußerst spannende Einblicke. Trotz aller hochkulturellen Vorurteile gegen das Genre, zeigen sputnic eine großartige Synthese zweier Welten, die gerne mehr miteinander reden dürfen.

Deshalb dann auch gleich noch ein Buch-Tipp: Wer mal sehen möchte, wie die Science-Fiction-Literatur das Theater aufgreift, dem empfehle ich das relativ frisch bei Piper auf Deutsch erschienene Das Licht der letzten Tage (im Original Station Eleven) von Emily St. John Mandel.

Und wer sich Der futurologische Kongress in Dortmund anschauen will, hat dazu im neuen Jahr wieder die Gelegenheit, wenn das Schauspiel von seiner Ausweich-Spielstätte im Megastore in das Stammhaus am Hiltropwall zurück gezogen ist.

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