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(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Die vielstimmige Europa [Schauspiel Dortmund]

Egal ob Brexit oder der italienische Haushalt, Europa ist und war schon immer viel mit sich selbst beschäftigt. Es hält sich selbst gerne nicht nur für den Nabel, sondern auch den Ursprung der modernen Welt. Dabei ist es eigentlich nur ein kleiner Anhang irgendwo an einem Ende Eurasiens. Im Schauspiel Dortmund gibt es mit dem Stück Ich, Europa jetzt die Möglichkeit eines Perspektivwechsels, eines Blicks aus “der Fremde”.

Dazu haben die Dortmunder Autorinnen und Autoren vom Balkan, aus dem Mittleren Osten und Nordafrika dazu aufgerufen, Europa eine Stimme zu geben. Die Vorgabe war ein Monolog der mythischen Figur Europa, die aus dem Mittleren Osten stammend, unserem Kontinent den Namen gab.

Breite Spanne an Texten, mit lyrisch-literarischem Schwerpunkt

Trailer – " Ich, Europa"

So allgemein die Vorgabe, so unterschiedlich sind die Texte, die jeweils von unterschiedlichen Schauspieler_innen auf die Bühne gebracht werden. Einige Geschichten waren angenehm konkret und entsprechend emotional eindringlich. Ich erinnere mich zum Beispiel an das wütende Lamento eines von der Welt vergessenen Peschmerga-Kämpfers und an die Geschichte einer Tramper-Tour im Brautkleid. Viele Texte sind mir persönlich allerdings zu lyrisch-literarisch, was auch durch die sehr abstrakte Inszenierung von Marcus Lobbes verstärkt wird.

Thematisches und intellektuelles Highlight ist für mich dann der Abschlusstext von Sudabeh Mohafez, der per Video eingespielt und von Merle Wasmuth “schlicht” vorgelesen wird. Hier führt die Autorin das gesamte Vorhaben des Schauspiels ad absurdum und beschwert sich darüber, dass sie nicht für Europa “das Alien” spielen wolle. Chapeau. Nicht nur für den Text, sondern auch für das Rückgrat des Schauspiels, damit das eigene Stück in einen kritischen Kontext zu setzen.

Aufwendige Inszenierung, wenig emotionale Unmittelbarkeit

(c) Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Das Bühnenbild ist auf den ersten Blick schlicht gehalten und besteht aus zwei weißen Wänden. Diese werden jedoch schnell zur Projektionsfläche für dortmund-typische Videos. Die Requisiten, die die Schauspieler_innen dann nach und nach auf die Bühne tragen, machen den Abend bunt und lebendig; aber leider auch abstrakt und schwer zu durchdringen. Das verhindert die Identifikation mit den Personen und vergibt viel emotionale Wucht.

Ich Europa fällt für mich eindeutig in die Kategorie “Theater als politisches Statement”. Als solches liefert es wichtige Anregungen und gibt den Stimmen der Nachbarn Europas Raum – inklusive Freikarten für Geflüchtete und arabischen Obertiteln. Konkretere Geschichten und eine figürlichere Inszenierung hätten bei mir aber einen größeren unmittelbaren Eindruck gemacht.

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