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Der Wirtschaft fehlt die Wissenschaft – zumindest in der Lehre [Link]

Wissenschaft lebt davon, dass Autor*innen Theorien formulieren und diese Theorien dann im Laufe der Zeit immer weiter überarbeitet und angepasst werden. Auch im Studium sollte sich dieses diskursive wissenschaftliche Vorgehen wiederfinden. In einem Interview mit Guido Speckmann im Freitag argumentiert der Siegener Wirtschaftswissenschaftler Helge Peukert, dass das in den wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern nicht der Fall ist.

Eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie, bei der sich die einzelnen Teile auch logisch aufeinander beziehen, gibt es in den Lehrbüchern nicht. Sie enthalten ein Sammelsurium oft höchst zweifelhafter und auch empirisch kaum eindeutig nachgewiesener Bausteine, etwa zur „natürlichen“ Arbeitslosigkeit. Zudem werden normative Vorschriften als Sachaussagen ausgegeben, die – dem Mainstream entsprechend – einseitig marktaffin ausfallen.

„Eine andere ökonomische Lehre ist möglich“ (Der Freitag)

Gerade weil wirtschaftswissenschaftlicher Gesetze angeblich global gelten und Ökonomen eine zentrale Rolle in der politischen Debatte spielen, ist der Einfluss dieser wenig wissenschaftlichen Herangehensweise sehr groß:

Ihre Wirkung dürfte der Konrad Lorenz’ nicht nachstehen, dem die jungen Graugänse nach ihrer Geburt auf Schritt und Tritt folgten. Entsprechend geimpft haben die Studierenden später das Sagen als Experten in den Medien, der Politik, in internationalen Organisationen und an Hochschulen.

„Eine andere ökonomische Lehre ist möglich“ (Der Freitag)

Dann stellt sich natürlich auch die Frage, warum sich gerade die Lehre in den Wirtschaftswissenschaften in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich weiter entwickelt hat. Peukert sieht hier eine enge Verbindung zwischen den Ergebnissen dieser “Wissenschaft” und den wirtschaftlichen Interessen mächtiger Akteure:

Wenn etwa Soziologen über Resonanz, Entschleunigung und andere wichtige Fragen sinnieren, tut dies den Bessergestellten und wirtschaftlich Mächtigen nicht unmittelbar weh. Wenn aber zum Beispiel die Aufhebung des Geldschöpfungsprivilegs der Banken oder eine höhere Erbschaftssteuer untersucht und gefordert wird, geht es um Umverteilung in der Höhe von Milliarden oder Billionen Euro. Daher versuchen auch Multis und die Finanzgroßwirtschaft, Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften auszuüben.

„Eine andere ökonomische Lehre ist möglich“ (Der Freitag)

Peukerts Forschung bestätigt damit auch den Eindruck, den ich selbst im wirtschaftswissenschaftlichen Teil meines Studiums hatte. Da ging es in erster Linie um das Verschieben von Linien in abstrakten grafischen Modellen und die mathematische Darstellung übermäßig idealisierter Zusammenhänge. Mit der realen Welt hatte das meinem Eindruck nach nicht viel zu tun. Das kam dann erst in der Soziologie. Ich hatte mich ja auch mal mit einem Exposé zur Reproduktion rationalisierte Mythen im Studium der BWL auf ein Promotionsstipendium beworben…

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