Was bringen naturwissenschaftliche Kommentare zu sozialen Phänomenen?

Ich bin immer wieder irritiert, wenn ich von Naturwissenschaftler_innen lese, dass die Debatten um die soziale Konstruktion von Geschlecht sinnlos seien, da es nunmal biologisch-faktisch zwei unterschiedliche Geschlechter gebe. Aber selbst wenn ich mal annehme, dass das biologisch tatsächlich so eindeutig ist – in der Debatte um Intersexualität und Co. kenne ich mich nicht genug aus, um mit hier ein Urteil zu erlauben, es gibt aber wohl zumindest Zweifel -, heißt das für unseren Umgang mit diesen Unterschieden herzlich wenig.

Es ist, denke ich, unstrittig, dass es Unterschiede in der biologischen Beschaffenheit von Männern und Frauen gibt. Diese betreffen neben der Anatomie auch den Hormonhaushalt, der für die Steuerung des Verhaltens eine maßgebliche Rolle spielt. Ich halte es also für durchaus plausibel, dass zwischen den Geschlechtern im Mittel(!) gewisse Unterschiede im Denken und Handeln bestehen, die man als “biologisch bestimmt” verstehen kann. Diese Unterschiede beziehen sich aber immer nur auf Handlungstendenzen, also Prädispositionen.

Die Überwindung biologischer Prädispositionen

Solche Prädispositionen sind aber keineswegs bestimmend für unser Verhalten. Sie sind immer nur ein Faktor, wenn es darum geht, ein bestimmtes Phänomen zu erklären. Das kann man sehr gut in der Medizin sehen, wo es für bestimmte Krankheiten – wie zum Beispiel Depressionen oder bestimmte Krebsarten – eine familiäre, also genetische, Prädisposition gibt, die aber keineswegs bedeutet, dass die Krankheit bei einer bestimmten Person ausbrechen muss. Hier spielen immer auch andere Faktoren eine Rolle.

Dass es aus biologischer Warte solche Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu geben scheint, heißt damit keineswegs, dass diese sich auch in vollem Umfang im Handeln der Einzelnen oder in der Gesellschaft als Ganzes manifestieren müssen. Erst recht sollten sie nicht als Rechtfertigung genutzt werden, um Versuche, diese Unterschiede zu überwinden, zu diskreditieren. Schließlich lässt sich der gesamte menschliche Fortschritt als ein einziges Überwinden von biologischen und anderen “natürlichen” Einschränkungen verstehen. Hier nur einige wenige Beispiele:

Im Grunde lässt sich jedes Element unserer Gesellschaft also als ein Versuch verstehen, biologische Voraussetzungen des Menschen zu überwinden. Warum sollte das hier anders sein? Selbst wenn Naturwissenschaftler_innen also zu dem Schluss kommen sollten, dass es zwischen Männern und Frauen biologisch bestimmt unterschiedliche Verhaltensdispositionen gibt, ist das nicht das Ende der Diskussion um den sozialen Umgang mit diesen, sondern der Anfang.

Soziale Relevanz

Die Überwindung biologischer Voraussetzungen kann sehr unterschiedlich erfolgen: Krankheiten greifen wir beispielsweise in erster Linie auf der biologischen Ebene an, auch wenn mit dem Placebo-Effekt mindestens ein wirksamer Mechanismus auf der psychischen bzw. sozialen Ebene bekannt ist. Instinktive Reaktionen wie Aggressionen und sexuelle Triebe gehen wir auf der psychologischen und der sozialen Ebene an, indem wir klar zwischen erlaubtem und unerlaubtem Verhalten unterscheiden und letzteres unter Strafe stellen. Unsere körperlichen Begrenzungen überwinden wir physisch mit der Hilfe von Maschinen und komplexen gesellschaftlichen Strukturen wie Arbeitsteilung und Handel. Warum sollten wir nicht auch möglicherweise vorhandene biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf die eine oder andere Weise gesellschaftlich einfangen?

Wenn es also darum geht, die individuelle und soziale Relevanz biologischer Voraussetzungen zu diskutieren, reicht es nicht, auf die naturwissenschaftlichen Eigenschaften zu schauen. Diese Eigenschaften sind nicht absolut, nur weil sie naturwissenschaftlich nachgewiesen werden können. Selbst dieser Nachweis ist schon problematisch, da es bei der Messung von Verhalten nahezu unmöglich ist, biologische von sozialen Einflussfaktoren zu isolieren:

Es gibt keine nicht-sozialisierten Menschen, keine rein-biologischen Modelle, die von jedem Einfluss sozialer Strukturen frei sind und uns Aufschluss über das unbeeinflusste “natürliche” Verhalten des Menschen verschaffen können. Letztlich lassen sich beide Sphären vermutlich überhaupt nicht eindeutig voneinander abgrenzen, da sich der soziale Einfluss in unser Gehirn einprägt und möglicherweise sogar den Einfluss unserer Gene steuert – Stichwort Epigenetik. Biologische Eigenschaften bilden demnach immer nur einen Ausgangspunkt, auf den sich die Entwicklung sozialer Strukturen zwar beziehen muss, von dem sie aber keineswegs bestimmt wird.

Die sozialen(!) Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen sind demnach nicht das “natürliche” Resultat biologischer Unterschiede, sondern sie entstehen aus den sozialen Strukturen die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben.

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2 Antworten

  1. Lexa sagt:

    Wie passend. Genau dieses Argument, wenn auch nicht so schön ausformuliert, habe ich heute als Antwort auf einen Kommentar bei mir genutzt. Da kam mir nämlich einer mit den “statistisch nachweisbaren Unterschieden zwischen den Geschlechtern”… Wenn man Kinder unter Laborbedingungen aufwachsen lassen könnte/wollte, dann würden diese Statistiken vielleicht was aussagen, aber so…
    Da werde ich meine Antwort gleich mal mit einem Link zu deinem Beitrag ergänzen. Danke 🙂

    LG Lexa

    • Dr. Nils Müller sagt:

      Hallo Lexa,

      freut mich, dass Dir der Artikel weiterhilft. Ich finde es immer wieder spannend, wie dieses “was ich nicht messen kann, ist nicht relevant”-Argument gerade aus dem naturwissenschaftlichen Bereich auftaucht…

      Viele Grüße
      Nils

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