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Von richtigem und falschem Lesen

Da ich Science-Fiction-Romane lese, digitale Bücher bevorzuge und dann meine Gedanken dazu auch noch in dieses Netz kippe, gehöre ich ja im Grunde gleich zu drei literarischen Randgruppen: SF gilt als anspruchslos-banaler Eskapismus und in E-Books sehen viele den Untergang des Abendlandes. In der letzten Zeit waren es dann mal wieder die Buchblogger, -youtuber und -podcaster, die als gefühlsduselige und oberflächliche Befindlichkeitsschleudern dargestellt werden. Vor allem dieser dritten Einschätzung stellt sich Katharina Herrmann in einem sehr ausführlichen und eindrucksvoll fundierten Artikel entgegen.

Sie zieht die soziologische Theorie Pierre Bourdieus heran, um aufzuzeigen, dass die Unterscheidung zwischen “hoher” und “trivialer” Literatur, ebenso wie die zwischen ernsthafter Kritik und bloßer Meinungsäußerung keineswegs zwangsläufig ist, aber eben auch nicht zufällig. Vielmehr sind beide Unterscheidungen Ausdruck fest etablierter sozialer Distinktionsprozesse:

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren.

Diese Unterscheidung ist keine Erfindung unserer Zeit, sondern ist Herrmann zufolge mehr als 200 Jahre alt. Sie ist jedoch nicht die einzige Trennlinie, die im Hinblick auf das Lesen gezogen wird. Bezieht sich Herrmann an dieser Stelle noch eher auf das Gelesene, verbindet sie Bourdieu auch mit der Kritik an oberflächlicher und gefühlsbetonter Buchkritik:

Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich.

Und so gibt es natürlich für jeden dieser Lesestile eine angemessene Form der Rezension. Ob es jetzt sinnvoll ist, eine “intime”, gefühlsbezogene Leseweise als “weiblich” zu markieren und eine informationsbezogene als “männlich”, lasse ich mal dahin gestellt. Den Aussagen der Autorin in den Kommentaren zufolge hat das aber tatsächlich eine wissenschaftliche Fundierung.

Als Soziologe gefällt mir an dem Text von Katharina Herrmann natürlich die theoretische Herangehensweise mit der konsequenten Anwendung der Ideen Pierre Bourdieus. Der Artikel Zur Kritik des normierten Lesens ist also nicht nur interessant, wenn man sich für die Debatte um Buchblogger und Co. interessiert, sondern auch ein tolles Beispiel für den Wert angewandter Soziologie.

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