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Vom Suzen und Diezen online

Die Frage nach dem “Du” oder “Sie” sorgt immer wieder für Verwirrung. Sie ist aber mehr als nur eine Eigenheit der deutschen Sprache, sondern taugt auch als Spiegelbild gesellschaftlicher Konflikte. Das wurde in den letzten Wochen deutlich, als der YouTuber Rezo in einer Kolumne für die Zeit das Siezen in den sozialen Medien für unhöflich erklärte:

Das Sie ist nicht immer und überall die höfliche und respektvolle Form der Anrede, sondern ein verbliebenes Symbol der Macht und speziell dann ein Zeichen der Respektlosigkeit, wenn es in Zusammenhängen benutzt wird, deren Gesprächsregeln längst anders definiert sind

Entschuldigung, seit wann siezen wir uns? (Rezo, Zeit Online, 28.01.2020)

Die Argumentation dahinter finde ich sehr einleuchtend. Aber eben auch kontrovers, weil sie im Kern auf den Generationenwechsel weist, der gerade in vielen Bereichen immer massiver eingefordert wird: weg von den “alten weißen Männern” (und ihren Enablern) hin zu einem Diskurs, der von jüngeren und diverseren Stimmen geprägt wird. Die Verhaltensregeln in den sozialen Medien (und auch generell der Regulierung des Internets) sind dabei ein besonders interessantes Beispiel, weil sich “die Jungen” hier in einer ungewohnten Position wiederfinden: der, der Verteidiger.

In den Konflikten um Generationengerechtigkeit und Klimawandel sind sie es, die “den Alten” kräftig auf die Füße treten und von ihnen – in meinen Augen vollkommen zurecht – Veränderungen einfordern. Rezos Verteidigung des Duzens hingegen liest sich defensiv: Im Kern sagt er, dass diejenigen, die “das Internet” aufgebaut haben, auch das Recht hätten zu bestimmen, was auf den Plattformen als angemessenes Verhalten gilt. Und das ist in diesem Kontext eben das Duzen, das eine Kommunikation auf Augenhöhe einfacher machen soll, als das Siezen.

Aus dieser Perspektive sind die sozialen Medien ein Raum, in dem andere Regeln und Normen gelten als in der klassischen Gesellschaft. Die Forderung – meist älterer – Nutzer, auf diesen Plattformen doch bitte zu Siezen wird als unberechtigter Übergriff empfunden und die Nutzer als Fremde oder Gäste gesehen, die sich doch bitte “unseren” Normen anzupassen hätten. Ein Argument, das man sonst eher aus konservativen Kreisen zu hören bekommt.

Aber wir sollten nicht zulassen, dass diese veraltete Konvention in Räume vordringt, die in ihrer Entwicklung eigentlich bereits weiter sind. Also auf Twitter und Co immer fleißig duzen und das Sie wie Saskia Esken als eine Taktlosigkeit ermahnen.

Entschuldigung, seit wann siezen wir uns? (Rezo, Zeit Online, 28.01.2020)

Aus der Perspektive der Siezer hingegen sind die sozialen Medien einfach nur ein weiterer Raum, in dem sie dieselbe Deutungshoheit beanspruchen, wie in anderen Bereichen der Gesellschaft. Die sozialen Medien sind dann ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, in dem eben auch dieselben Regeln gelten. Um es überspitzt zu formulieren: Die Zeiten der Anarchie sind vorbei. Das Verschmelzen von “online” und “offline” wiederum ist ein Argument, dass sonst eher aus progressiven Kreisen kommt.

Was machen wir nun aber praktisch mit dieser Frage? Ist das Siezen im Netz tatsächlich unhöflich, oder sollten die Normen aus der Offline-Welt auch online gelten? In meinen Augen ist es der falsche Weg, Siezer brüsk zurechtzuweisen, wie es z.B. Saskia Esken in dem Austausch getan hat, der der Rezo Kolumne zugrunde liegt. Genauso wenig halte ich es aber für angemessen, Duzer einfach zu ignorieren, wie es z. B. der Journalist Wolf Lotter beschreibt:

Stattdessen können wir es doch einfach so halten, wie wir es sowieso viel öfter tun sollten: Ich rede dich so an, wie Sie es möchten. Wie es der “Tradition” entspricht, duze ich im Netz erst mal. Wenn ich aber weiß, dass jemand lieber gesiezt werden möchte oder ich die Person auch offline kenne und dort sieze, mache ich das auch online. Den dadurch signalisierten Statusunterschied muss ich mir ja nicht anziehen und man kann ja auch einfach mal “Sie Arschloch” sagen denken oder – noch besser – per Du einfach nett und höflich bleiben.

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