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Verstetigung von Schreibzentren in Deutschland und den USA [Vortrag]

Nach der ganzen Freizeit in der schönen österreichischen Hauptstadt Wien war dann natürlich auch noch ein wenig Arbeit angesagt und damit der eigentliche Grund für meine Reise: Die Jahrestagung Schreiben(d) lehren, fördern und beraten des Schreibzentrums an der FHWien der WKW. Hier kamen in kleiner Runde Praktiker*innen der Schreibdidaktik aus dem deutschsprachigen Raum zusammen – logischerweise mit einem Schwerpunkt auf Österreich.

Dieser Text ist Teil der Artikelreihe zur Tagung “Schreiben(d) lehren, fördern und beraten”. Wenn Du keinen Artikel verpassen willst, kannst Du den gesamten Blog oder nur die Artikelreihe per RSS abonnieren. Es gibt natürlich auch eine Überblicksseite mit allen Artikeln der Reihe.

Den Anfang der Tagung macht die Keynote von Kathrin Girgensohn, der wissenschaftlichen Leiterin des Schreibzentrums an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Sie stellte ihre Habilitation vor, in der sie die Verstetigung und Verankerung von Schreibzentren an deutschen Hochschulen im Vergleich zu den USA untersucht hat. Ein Thema, das gerade mit dem Auslaufen und der unklaren Zukunft des Qualitätspakt Lehre absolut aktuell ist. Außerdem war der Vortrag mir sehr sympathisch, da Girgensohn als ausgebildete Sprachwissenschaftlerin sich gerade den soziologischen Neo-Institutionalismus als theoretische Grundlage herausgesucht hat.

Ein bisschen Soziologie unter Sprachwissenschaftler*innen

Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Beobachtung, dass Schreibzentren und ähnliche Einrichtungen in Deutschland ein relativ neues Phänomen sind. Das Schreibzentrum der Viadrina wurde bereits 2007 gegründet, in der breiten Hochschullandschaft ist diese Idee aber erst seit 2010/2011 weiter verbreitet. Daraus ergibt sich, dass die Position der Schreibzentren an den Hochschulen, ihr Beitrag zu Forschung und Lehre und ihre organisationale Verankerung, noch sehr unklar ist. Dazu kommt auch, dass Schreibzentrumsarbeit zeitlich nur wenig verstetigt ist und in erster Linie über befristete Stellen bestritten wird, oft sogar auf der Leitungsebene. In den USA hingegen sind Schreibzentren fester Bestandteil der Hochschulen und schon lange als zentrale Einrichtungen etabliert.

Girgensohn nimmt nun den Prozess der Entstehung und Verankerung der Schreibzentren in den Blick, oder – theoretisch gesprochen – den Prozess ihrer Institutionalisierung. Sie vergleicht dabei nicht nur Deutschland und die USA, sondern stellt auch die Frage, was deutsche Praktiker aus den Erfahrungen in den USA lernen können. Dabei bezieht sie sich auf den theoretischen Begriff der institutional work und die Grundfrage, wie einzelne Akteure Institutionen im soziologischen Sinne schaffen und verändern können. Ihr wichtigster Punkt dabei ist die Zuschreibung von Legitimität, also die Akzeptanz durch andere, zentrale Akteure.

Fachlehrende müssen der Schreibberatung Legitimität zuschreiben

Das wichtigste Resultat schien mir dabei die Rolle der Fachlehrenden zu sein, die in hohem Maße über die Legitimität des Schreibzentrums entscheiden. Sie sind die maßgeblichen Instanzen, wenn es um die Lehre geht und bestimmen damit über die Einbindung und die Relevanz der Schreibberatung. Dabei bestehen grundsätzlich zwei Gefahren:

  1. Auf der einen Seite stehen Konflikte um die Deutungshoheit, was gutes und richtiges wissenschaftliches Schreiben in der entsprechenden Disziplin ausmacht. Hier ist es wichtig, dass sich das Schreibzentrum als Dienstleister den Fächern gegenüber versteht und nicht gegen sie arbeitet.
  2. Auf der anderen Seite steht die Gefahr, dass die Fachbereiche sich auf der Arbeit des Schreibzentrums “ausruhen” und keine eigene Energie mehr in das Vermitteln allgemeiner wissenschaftlicher Arbeitstechniken stecken.

Beiden Gefahren kann jedoch durch eine enge Zusammenarbeit mit den Fachlehrenden und die Entwicklung gemeinsamer(!) Formate und Projekte entgegengewirkt werden.

Gemeinsames Lernen hilfreiche Grundhaltung gegenüber Fachlehrenden

Generell sieht Girgensohn großes Potenzial in einer Grundhaltung, die sie als collaborative learning bezeichnet. Darunter versteht sie das Zusammenbringen von Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten, die ihre Kompetenzen nutzen, um voneinander zu lernen. Kein wirklich überraschender Gedanke, aber für den Hochschulalltag vielleicht tatsächlich eine kleine Revolution. Leider. Neben den allgemeinen Überlegungen fand ich dabei einen Leitsatz besonders praxisrelevant:

Beschwerden werden zu Gesprächsanlässen.

Ein sehr hilfreicher Gedanke, wenn es darum geht, Fachlehrende vom Nutzen der eigenen Arbeit zu überzeugen und gerade den Eindruck des Wilderns auf fremdem Gebiet zu vermeiden. Dabei können nicht nur konkrete Beschwerden über die Arbeit des Schreibzentrums entsprechend gewendet werden, sondern auch allgemeine Unmutsäußerungen über die (Schreib-)Kompetenzen Studierender.

Insitutionalisierungsarbeit, wie sie Girgensohn hier für die jungen deutschen Schreibzentren beschreibt, hört aber auch nicht in dem Moment auf, in dem die Einrichtung und die Mitarbeiter eines Schreibzentrums verstetigt sind. Es verändert sich nur ihr Fokus.

Für mich war den theoretischen und wissenschaftlichen Resultaten dieser Arbeit nicht viel Neues, da sie im Grunde die klassischen theoretischen Ausgangspunkt des Neo-Institutionalismus bestätigen. Es ist aber schön zu sehen, dass die soziologische Theorie auch in diesem Bereich durchaus Einfluss nimmt und vielleicht ein kleines Bisschen dazu beiträgt, dass Schreibzentren in Deutschland ihre Position stärken können.

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