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Das Versprechen und die Krise Europas [Link]

Die EU versprach den Mitgliedstaaten und den Bürger*innen ein besseres Leben. Mit der Staatsschuldenkrise 2008 wurde das Leben aber schlechter. Was nun?

Die Europawahlen sind immer wieder ein guter Anlass, um über grundsätzliche Fragen im Bezug auf Europa und die Europäische Union nachzudenken. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die in meinen Augen bislang beste Analyse der aktuellen Entwicklungen aus Großbritannien kommt. Im Guardian stellt der Historiker Timothy Garton Ash seine Überlegungen vor, warum sich Europa gerade so schwertut: Why we must not let Europe break apart.

Das Versprechen eines besseren Lebens

Garton Ash geht in seiner Analyse von dem grundlegenden Versprechen aus, das die Europäische Union ihren Mitgliedsstaaten und auch ihren Bürgern macht: eine bessere Zukunft.

“When you look at how the argument for European integration was advanced in various countries, from the 1940s to the 1990s, each national story seems at first glance very different. But dig a bit deeper and you find the same underlying thought: “We have been in a bad place, we want to be in a better one, and that better place is called Europe.””

Why we must not let Europe break apart (Timothy Garton Ash)

Mittlerweile sind wir aber in der Situation, dass die EU dieses Versprechen nicht länger halten zu können scheint. Gerade nach der Finanzkrise ist das Leben in weiten Teilen Europas schwieriger geworden und es ist nicht unplausibel, dass das Handeln (bzw. Nicht-Handeln) der EU einen Anteil an dieser Entwicklung hat. Zumal immer mehr Menschen nur noch unser grenzenloses und kooperatives Europa kennt und der Vergleich zu früheren Zeiten fehlt.

“For them, the tick line has been inverted: it started by going steadily up, but then turned sharply downwards after 2008. Ten years ago, you and your country were in a better place. Now you are in a worse one, and that is because Europe has not delivered on its promises”

Why we must not let Europe break apart (Timothy Garton Ash)

Für wen ist Europa?

Garton Ash spricht dabei auch an, dass wir uns die Frage stellen müssen, wer denn tatsächlich von unserem aktuellen Europa profitiert:

“Europe is great for us, the educated, privileged, mobile and gainfully employed, but do you really feel like saying “Europe is great!” with a straight face to the unemployed, unskilled worker in the post-industrial north of England, the southern European graduate who can’t find a job, or the Roma child or the refugee stuck in a camp?”

Why we must not let Europe break apart (Timothy Garton Ash)

Für diese Menschen ist das Leben in Europa trotz aller Beteuerungen und Versprechen nicht gut und vielleicht sogar schlechter als noch vor zehn Jahren. Hier kann sich Europa nur “rechtfertigen” indem es auf eine nebulöse und fiktive Parallelwelt verweist, in der es die EU nicht gibt und das Leben “noch schlechter” wäre. Dass diese Argumentation nicht verfängt, überrascht mich jetzt nicht wirklich.

Was tut Europa?

Auch die EU selbst scheint sich ihrer Errungenschaften nicht wirklich sicher zu sein. Selbst mehr als 60 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge erweckt sie immer noch den Eindruck “am Anfang zu stehen”. Sie bezieht ihre Rechtfertigung immer noch aus dem besseren Leben in der Zukunft, statt auf die konkreten Erfolge und Errungenschaften zu verweisen:

“Driving through Hannover recently, I saw a Green party poster for the European elections that declared “Europe is not perfect – but it’s a damned good start”. Pause to think for a moment, and you realise how odd this is. After all, we don’t say “Britain is not perfect, but it’s a damned good start”. Nor do most 74-year-olds say “my life is not perfect, but it’s a good start”. The European Union today, like Germany or France or Britain, is a mature political entity, which does not need to derive its legitimacy from some utopian future. There is now a realistic, even conservative (with a small c) argument for maintaining what has already been built – which, of course, necessarily also means reforming it. If we merely preserved for the next 30 years today’s EU, at its current levels of freedom, prosperity, security and cooperation, that would already be an astonishing achievement.”

Why we must not let Europe break apart (Timothy Garton Ash)

Es ist also an der Zeit, auch die aktuelle EU selbstbewusst zu verteidigen, um sicherzustellen, dass Europa nicht wieder hinter die Erfolge der letzten siebzig Jahre zurückfällt:

“Born in the depths of European barbarism more than 70 years ago, tipped towards crisis by a hubris born of that liberal triumph 30 years ago, does this project of a better Europe really need to descend all the way down to barbarism again before people mobilise to bring it back up?”

Why we must not let Europe break apart (Timothy Garton Ash)

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