• Zettel in meinem Zettelkasten
    Zettel in meinem Zettelkasten

    Seit einiger Zeit suche ich nach einem Weg, die ganzen Ideen, Argumente und Informationen, denen ich so beim Lesen über den Weg laufe, nicht sofort wieder zu vergessen. Sie brauchen stattdessen einen Platz, an dem sie es gemütlich haben, miteinander plauschen und sich entwickeln können, um dann schließlich gereift in einen Text oder einen Podcast einzufließen.

    Es ist also klar: Ein Workflow muss her, der mich nicht vom Lesen ablenkt, aber auch nicht einfach nur ein großer Haufen ist, in dem ich nichts mehr wiederfinde, wenn ich es denn brauche, und bei dem ich ohnehin vergessen habe, was denn darin schlummert.

    Schon während meiner Doktorarbeit hatte ich mal mit der Idee eines Zettelkastens geliebäugelt, der auf den Überlegungen Niklas Luhmanns zur Kommunikation mit Zettelkästen aufbaut. Doch damals wurde es in erster Linie eine sehr ausführlich verschlagwortete Sammlung von kurzen Notizen. Die tat ihren Job, war aber nach dem Ende meiner aktiven Forschung auch schnell wieder vergessen.

    Vor einiger Zeit bin ich dann bei den diversen digitalen Notiz-Tools gelandet und über Evernote und Notion schließlich zu Obsidian gekommen. Obsidian ist ein großartiges Stück Software mit einer extrem offenen Philosophie, einer tollen Community und bis in das letzte Detail individualisierbar.

    Also habe ich mir um Obsidian herum Workflows und Automatisierungen gebaut, die es extrem einfach machen, meine Markierungen aus Artikeln in Instapaper, Notizen aus Kindle-Büchern und andere Gedanken zusammenzutragen. Doch hier schlug die Sammel-Leidenschaft das Strukturieren und Entwickeln. Der digitale Haufen wurde immer größer, ich schrieb aber immer weniger - und das lag nicht nur an meinem kleinen Sohn, der mittlerweile mein Leben und meine Zeitplanung auf den Kopf stellt ;)

    Schließlich bin ich auf die Posts von Scott Schepper gestoßen, der das ganze Thema etwas radikaler angeht: Er führt tatsächlich einen analogen Zettelkasten; so richtig mit Stift, Karteikarten und komplexem Nummerierungsschema. Tja, was soll ich sagen, jetzt habe ich auch sowas…

    Aufbau meines Zettelkastens

    Mein Zettelkasten
    Mein Zettelkasten

    Der Aufbau eines Zettelkastens ist im Grunde ganz einfach: Er besteht aus Karteikarten (Zetteln), auf denen jeweils ein Gedanke, ein Argument oder eine Idee festgehalten ist. Dazu kommt ein Stichwortverzeichnis, das mir hilft, mich im Zettelkasten zu orientieren.

    Jeder Zettel bekommt eine eindeutige Nummer, damit ich von überall anders auf ihn verweisen kann. Dadurch ist es im Grunde egal, wo er physisch im Kasten zu finden ist, solange ich von der Nummer auf die Position schließen kann. Gleichzeitig ist es aber auch nicht egal, weil sich die Nummer eines Zettels darüber bestimmt, an welchen anderen Zettel er anschließt - Stichwort Folgezettel. Genauer habe ich mein Nummerierungsschema hier erklärt.

    So entsteht nach und nach eine komplexe und vernetzte Struktur, die ganz auf meine Denkweise angepasst ist, gleichzeitig flexibel bleibt und mir immer wieder thematisch relevante und verwandte Zettel vor Augen führt, wenn ich neue Zettel einpflege. Wenn man davon ausgeht, dass Notizen einen Einfluss auf die Unordnung und Ordnung von Gedanken haben, bietet der Zettelkasten hier einen interessanten Zwischenweg zwischen losen Notizen und linearer Zusammenfassung.

    Die Struktur, die dadurch entsteht, ist zwar von außen vermutlich schwer zu durchschauen, muss sie aber auch nicht sein.

    Beispiel

    Strukturiert gelegte Zettel
    Strukturiert gelegte Zettel

    Mein Zettel 1 lautet z.B.

    Es ist einfach nur ein Zettel, dem ich jetzt hier per Hand ein paar Worte anvertraue. Aber vielleicht ist es ja ein Anfang?

    Darauf folgt 1a

    Die Stärken eines Zettelkastens liegen nicht im Speichern und Abrufen einer konkreten Information und Notiz, sondern in der Entstehung von Clustern und der ständigen Durchsicht. Ein Auffinden einer speziellen Notiz ist aber auch möglich.

    Darauf folgen “nebeneinander” 1a1, 1a2 und 1a3

    Ein Notizen-System braucht einen Sinn, einen Zweck, ein Ziel. Es ist ein Hilfsmittel. Wofür?

    Die Frage stellt sich, wie Notizen lebendig bleiben oder gar werden. Und nicht zu einem Haufen schaler Informationssammlungen.

    Die Google-Suche ist immer weniger hilfreich, weil…

    Der Ast 1a2 vertieft sich dann immer weiter und wird zu einem zentralen Ort für Notizen zu Büchern wie The Dawn of Everything von David Graeber und David Wengrow sowie The Nutmeg’s Curse von Amitav Ghosh.

    Entscheidend ist hier Zettel 1a2e mit folgendem Zitat aus Steven Halls Maxwell’s Demon:

    “We’re hopelessly committed story-builders, wer are tidy minds making sense of our experience by bookending, selecting, sorting, sifting, ordering, arranging and contextualizing it into a clear list of cause-and-effect plot points”

    und schließlich Zettel 1a2e1, der sich auf The Dawn of Everything von David Graeber und David Wengrow bezieht:

    Zwei große Narrative der Menschheitsgeschichte:

    Rousseau: Zivilisationsprozess, der Großes hervorbringt Hobbes: Einhegung menschlicher Triebe

    Von dort beginnt dann die wilde Fahrt durch Vor- und Frühgeschichte, Kolonialisierung, den Begriff der Freiheit und der Ungleichheit, Ideengeschichte und mehr…

    • Theorie und Praxis der Wissensarbeit

      Hier kommt einfach mal ein kurzer Text rein, der das Ganze ein wenig beschreibt.

    • Lesen, denken und schreiben sind entropische Prozesse

      Entropie ist ein Maß für die Ordnung eines Systems. Lesen, Denken und Schreiben wiederum verändern bzw. fixieren die Ordnung von Informationen.

    • Nummerierungsschema meines Zettelkastens

      Ein klar definiertes Nummerierungsschema ist unverzichtbar, damit ein analoger Zettelkasten funktioniert. Ich habe mich dabei für eine leichte Abwandlung von Luhmanns System entschieden.

    • Analoge Zettelkästen haben Stärken, die digitale nicht abbilden können

      Digitale Tools für Notizen sind verlockend und praktisch. Ein analoger Zettelkasten hat jedoch spezifische Vorteile, die sich digital kaum nachbilden lassen.

    • Kindle-Notizen automatisch umwandeln (Python)

    • The Dawn of Everything von David Graeber und David Wengrow

      Intellektuell harte Kost mit vielen Details und mäandernden Kapiteln. Im Kern aber wirklich lohnenswert und ein gewaltiger Perspektivenwechsel.

    • The Nutmeg's Curse von Amitav Ghosh

      Viele spannende Zusammenhänge zwischen Kolonialismus, Globalisierung und Sklaverei. Leider bleibt die übergeordnete Erzählung, mit der das Buch angekündigt wird, dabei etwas auf der Strecke.

    • Maxwell's Demon von Steven Hall

    • Nicht-lineare Notizen und Publikationsformen können Entropie in der Mitte stabil halten

      Texte versuchen im Normalfall, komplexe Informationen in einer linearen Struktur abzubilden. Dabei geht jedoch Anschlussfähigkeit verloren. Hier könenn nicht-lineare Notizen helfen.

    • Mein Wissensmanagement-Flow

      Mein persönliches Wissensmanagement ist auf meine konkrete Arbeits- und Denkweise zugeschnitten. Hier gebe ich einen Einblick.