Warum Indiviualisierung und Säkularisierung uns Angst machen

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2 Antworten

  1. Lisa Rosa sagt:

    Das kann man auch alles zusammenfassen, in dem guten Satz von Rückriem: „Die Globalisierungsprozess relativiert weltweit die Sinnsysteme und provoziert zugleich deren fundamentalstische Affirmation.“ Und das Gute an Rückriems Einsicht: Er fokussiert nicht einseitig auf die „Probleme“, die vielen (nicht allen) Angst machen. Denn die Relativierung der Sinnsysteme befreit auch für die Weiterführung der Werte der Aufklärung (das sind universalistische, und sie sind keineswegs am Verschwinden.) Denn erst, wenn alle Werte, die bislang partikularistisch (eben nicht aufklärerisch universell – dh. für alle Menschen gültig!) von „Autoritäten“ vorgegeben werden, dekonstruiert und fallengelassen werden dürfen/können, ist eine echte Autonomie im Sinne der Aufklärung überhaupt möglich.
    Wenn auf die „Angst“ fokussiert wird, auch noch auf Budesche Weise als Stichwortgeber für eine Epoche, dann ist das nicht nur einseitig und wissenschaftlich fragwürdig. Es wird offenbar auch nicht mal geprüft, inwieweit die Zuschreibung dieser Angst als Gattungsmerkmal, also die Anthropologisierung überhaupt angebracht ist. Denn 1. macht keineswegs die Globalisierung mit all ihren „Unsicherheiten“, die man je nach Lage ja sicher auch als Freiheiten und Befreiungen sehen kann, allen gleichermaßen Angst. Ich lernte letztens in meinem Englischkurs eine sehr mutige afghanische Intellektuelle kennen, die würde Bude aufs Schärfste widersprechen. Und zweitens: Warum soll ausgerechnet jetzt das Zeitalter der Angst sein? Wer sich ein bisschen in der Geschichte auskennt, der weiß, dass alle „normalen Menschen“ in vorindustrieller voraufklärerischer Zeit viel mehr Angst hatten als wir heute. (Drum haben sie auch so viel gebetet, denn etwas anderes gegen die immer lebensbedrohlichen Lebensumstände hatten sie nicht.) Also: bisschen kulturhistorische Denkfähigkeit täte auch Herrn Bude nicht schlecht.

    • Nils Müller sagt:

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich gebe dir insofern recht, dass Bude sicherlich sehr stark aus der Perspektive einer weitestgehend säkularisierten und freiheitlichen Gesellschaftsordnung argumentiert.

      Dem, was du als Chancen und Vorteile dieser Entwicklung beschreibst, würde er sicherlich auch nicht widersprechen, er kommt jedoch weniger von dem theoretisch denkbaren, sondern aus der Perspektive einer in allen gesellschaftlichen Schichten – nicht bei jeder einzelnen Person(!) – zu beobachtenden Entwicklung. Und da passt seine Argumentation – die ich notwendigerweise natürlich auch nur zugespitzt dargestellt habe – in meinen Augen relativ gut.

      Er behauptet auch nirgendwo, dass die Angst das einzige auszeichnende Charakteristikum unserer Zeit oder „der Moderne“ sei, sondern eben eine Entwicklung in einer spezifischen Ausprägung. Sicherlich gab es Angst in unterschiedlichen Formen schon immer, aber er verbindet diesen Begriff implizit sehr schön mit Durkheims Begriff der „Anomie“. Und die anomische Angst wäre mir in anderen historischen Perioden nicht bekannt.

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