Die alltägliche Reproduktion nationaler Grenzen

diss_coverVor einem knappen Monat ist nach insgesamt mehr als sechs Jahren endlich meine Doktorarbeit als Buch bei der UVK Verlagsgesellschaft erschienen. Auch wenn ich grundsätzlich ein Verfechter von Open Science bin, kann ich den Text leider nicht einfach online stellen, aber zumindest die Zusammenfassung, die der Abgabeversion vorangestellt war, kann ich euch hier zu lesen geben. In der nächsten Zeit werde ich aber auch mal ein paar meiner zentralen Argumente an dieser Stelle aufarbeiten.

Vor dem Hintergrund der aktuell entstehenden Debatte um Prozesse der horizontalen Euro­päisierung nimmt diese Arbeit die Entwicklung transnationaler Alltagsroutinen in innereuropäischen Grenzregionen in den Blick. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Einwohner solcher Regionen ihren alltäglichen Aktivitätsraum nach der Öffnung der Grenzen auf das Nachbarland ausgedehnt haben. Darüber hinaus zeigt diese Arbeit auf, inwieweit die möglicherweise entstandenen Alltags­praktiken tatsächlich auf eine räumliche Integration innerhalb der Grenzregion hindeuten und auf welche strukturellen Eigenschaften der Grenzregionen diese Entwicklung oder ihr Ausbleiben in unterschiedlichen Alltagsbereichen zurückgeführt werden können. Dabei basiert die empirische Analyse auf 26 episodischen Interviews mit Einwohnern dreier deutscher Grenzorte: Tüddern bei Sittard-Geleen (NL), Grenzach bei Basel (CH) und Herrnburg (ehemalige DDR) bei Lübeck. Insbe­sondere werden dabei die Alltagsbereiche des sich Versorgens, des sich Erholens und des in Gemeinschaft Lebens untersucht. Im Vorlauf der empirischen Untersuchung entwickelt diese Arbeit zudem zahlreiche theoretische Werkzeuge, die allgemein für die sozialwissenschaftliche Unter­suchung von Grenzregionen von Nutzen sind: unter anderem die Idee der Grenzregionen als Region der frontiers, drei Typen räumlicher Integration sowie ein umfassendes handlungstheoretisches Modell der Reproduktion räumlicher Struktur.

Die empirische Untersuchung zeigt, dass sich in allen drei Grenzregionen ein breites Spektrum an grenzübergreifenden Alltagsroutinen findet, welche sich unter den Befragten und zwischen den Grenzregionen durchaus unterscheiden: Während diese Arbeit für Herrnburg in allen drei betrach­teten Alltagsbereichen grenzübergreifend integrierte soziale Räume nachweisen kann, findet sich ein solcher in Tüddern lediglich im Bereich des sich Versorgens. Darüber hinaus lassen sich Ansätze für stabile grenzübergreifende Interaktions- und Handlungsstrukturen in Tüddern und in Grenzach in den Bereichen sich Erholen und in Gemeinschaft Leben nachweisen. Dabei beschränken sich die grenz­überschreitenden alltäglichen Praktiken der Befragten an den beiden deutschen Außengrenzen jedoch in fast allen Fällen auf die unmittelbare Nachbarschaft und lassen das Nachbarland außerhalb der Grenzregion außen vor. Die Gründe für diese Entwicklung sind den Interviews zufolge jedoch weniger in der Grenze an sich zu finden, sondern vielmehr in der Infrastruktur und auch den sozialen Beziehungen, die sich über Jahrzehnte zwischen den jeweiligen Staaten getrennt entwickelt haben. So ist es gerade die einfachere Erreichbarkeit von Angeboten auf der eigenen Seite der Grenze, die verhindert, dass die Befragten umfassendere grenzübergreifende Aktivitäten entwickeln. Zudem finden sich bis heute kaum dauerhaft institutionalisierte grenzübergreifende Interaktions­zusammenhänge, die als Keimzelle für stabile Interaktionsstrukturen dienen könnten.

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1 Antwort

  1. 11. März 2014

    […] eini­gen Wochen bekam ich eine E-Mail eines Redak­teurs des Schweizer Rund­funks, der auf meine Dis­ser­ta­tion gestoßen war und mich gefragt hat, ob ich mich mit Ihm eine halbe Stunde über mein Buch […]

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